Vor über einem Vierteljahrhundert war er als Special Agent Dale B. Cooper das Gesicht von „Twin Peaks“. Mit derselben aseptischen Mimik, an der sich einst die Welt weidete, kehrt er für 18 neue Folgen zurück. Und definiert auf berückend reife Art das Mann-Sein neu und anders. Wieder einmal …

Zugegeben, auch wenn ich damit wohl ein journalistisches Eigentor schieße, muss ich gestehen, dass Kyle MacLachlan als Interviewpartner ein ungewöhnliches Erlebnis ist. Mag sein, dass ich mich täusche. Aber selbst wenn der Charakter des 58-Jährigen vollkommen ­anders ist als das, was er vor der Kamera zeigt, auch wenn er manchmal eine Frage nicht ganz beantwortet: Ich könnte schwören, er sagt immer die Wahrheit – immer!

Dabei ist manches von dem, was er offenbart, nicht leicht zu glauben. Er versichert, dass er vor „Dune – Der Wüstenplanet“ im Jahr 1984 und seiner Wandlung zur Schauspiel-Ikone für David Lynch, den Meister des Abseitigen, ein argloses Landei aus der tiefsten US-Provinz war, den seine Eltern nichts außer ein paar Disney-Filmen sehen ließen. Seine Beziehung mit dem streng katholisch erzogenen Supermodel Linda Evangelista – berühmt auch für den Satz „Für weniger als 10 000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf“ – subsumiert er unter dem Adjektiv „funny“. Dann versichert er auch noch, einige Szenen aus „Sex and the City“ seien ihm doch peinlich gewesen – und dies trotz Rollen in Klassikern des Expliziten wie „Blue Velvet“ (2003) oder „Showgirls“ (1995), erst als „Schlechtester Film aller Zeiten“ eingestuft, später sogar von Quentin Tarantino gelobt. Schließlich behauptet MacLachlan sogar, David Lynch sei ein extrem reizender und liebenswürdiger Mensch, dem er 1984 seine Eltern vorstellte. Ob die beiden so normal sind, weil sie all ihre barocken Perversionen zu Kunst machen?

Dieses symbiotisch verbundene Künstlerpaar kehrt nun also zurück zu seinen Wurzeln. Das neue Goldene Zeitalter des Fernsehens darf einfach nicht auf die Rückkehr jener Serie verzichten, die unserer Vorstellung von dem, was auf einen kleinen Bildschirm passt, eine neue Dimen­sion verlieh. „Twin Peaks“ kommt wieder, die Serie also, die das schockierte Publikum vor einem Vierteljahrhundert mit einer offenen Frage zurückließ: Wer ermordete Laura Palmer? Seither hat MacLachlan die Geschichte des US-Fernsehens eher am Rande mitgestaltet – mit tragenden Rollen in weltweiten Quotenbringern wie „Desperate Housewives“ (als Orson Hodge) oder „How I Met Your Mother“. Doch nun die Rückkehr mit seiner eindrucksvollsten Figur: als Special Agent Dale Bartholomew Cooper. Seine Aura wird jetzt nicht mehr nur von der unvermeidlichen Tasse Kaffee geerdet, sondern zudem von 27 Jahren, die ihre Spuren auf einem immer noch so beunruhigenden wie schönen Antlitz hinterlassen haben.

Obwohl die Serie jetzt im Mai 2017 mit vielen alten, also ­bekannten, Gesichtern ausgestrahlt wird und wohl ebenso kryptisch ausfällt wie das Original, hat die Geheimniskrämerei in Form eines multimedialen Stillschweigens rund um die Dreharbeiten die Erwartung geschürt, dass  die 18 neuen „Twin Peaks“-Folgen ebenso episch werden wie einst …

LOH    Sind Sie sich darüber im Klaren, dass wir Ihnen eine Menge Fragen über Dinge stellen werden, zu denen Sie nichts sagen dürfen?
Kyle MacLachlan   Ich werde überhaupt nichts enthüllen. Nur so viel sage ich Ihnen, dass die Dreharbeiten hervorragend laufen und dass es ein echter David Lynch wird. Er dreht „Twin Peaks“ genau so, wie er es haben will. Er hat so viel Freiheit, wie er braucht, und ich bin sehr zufrieden damit, denn er schafft etwas Wundervolles und Unvorhersehbares. Ich selbst war ungeheuer gespannt auf die neue Geschichte. ­Obwohl ich den Vertrag blind unterschrieben hatte, merkte ich beim Lesen des Drehbuchs, dass alles so besonders werden würde, wie ich es erwartet hatte.

LOH    Was hat sich in diesem Vierteljahrhundert verändert? Ist etwa das Smartphone bei „Twin Peaks“ angekommen?
Kyle MacLachlan   Hinter mir und Special Agent Dale B. Cooper liegen 27 Jahre. Was immer diese Zeit an Neuem hinzugewonnen hat, kommt auch in der neuen Staffel vor. Ja, sogar Mobiltelefone sind auch bei „Twin Peaks“ angekommen, aber sie spielen keine Schlüsselrolle für die Handlung (lacht). Beim Dreh selbst hat sich nichts verändert. Für mich fühlt es sich einfach vertraut an, mit David zu arbeiten. Ich glaube, ich kann seine Fantasie, seine Vision ziemlich gut nachvollziehen. Natürlich kann ich mir auch nicht alles erklären, aber als Schauspieler verstehe ich, was mit der Figur passiert und welchen Weg sie geht. Mehr brauche ich gar nicht zu wissen, alles andere entsteht allein durch Davids Magie.

LOH    David Lynch hat mit „Twin Peaks“ gezeigt, dass er aus seinem persönlichen Universum – man könnte auch Unterbewusstsein sagen – ein Massenphänomen erschaffen kann. Wie macht er das bloß?
Kyle MacLachlan   Ich will jetzt nicht esoterisch werden, aber David erfindet eine Welt, in der eine essenzielle Wahrheit steckt, die man in jedem einzelnen Bestandteil dieser Welt wiederfindet. Wie eine Wirklichkeit im Unwirklichen. Da gibt es einen inneren Mechanismus, ein Zusammenspiel, das nur in dieser speziellen Ecke seiner Welt existiert, einen machtvollen, manchmal unheimlichen, aber immer inspirierenden, in sich logischen Ort. Er hat was von einem Albtraum, aber auch eine große Portion Humor. Aus diesem Gegensatz lässt er das Unerwartete entstehen, mit dem er dich dann packt und überrascht.

LOH    Wie haben Sie sich mit Lynch versöhnt? Von „Twin Peak – Der Film“ aus dem Jahr 1992 haben Sie sich öffentlich klar distanziert …
Kyle MacLachlan   Ich war damals einfach zu stark auf die Fernsehversion fixiert, sodass es mich irritiert hat, als die Geschichte aufs Kino übertragen wurde. Mir war nicht bewusst, dass es um unterschiedliche Dinge ging. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich mich geirrt hatte. Außerdem bedeutete die Arbeit mit David Bowie damals für mich die Erfüllung eines Traums.

LOH          Die Zeit sorgt oft dafür, dass man Dinge später mit anderen Augen sieht. So war es auch mit zweien Ihrer Filme, „Dune“ und „Showgirls“, die erst auf ganzer Linie scheiterten und doch später Anerkennung bei Kritikern und Cineasten fanden …
Kyle MacLachlan   Wenn ein Film oder eine Serie herausgebracht wird, spielen Erwartungen eine große Rolle. Manchmal werden sie nicht erfüllt, dann ist man enttäuscht und glaubt an einen Flop. Aber vielleicht kommt dann genau dieser Film zu dir zurück, wegen seiner Geschichte, seiner Ästhetik oder seiner besonderen Atmosphäre. So war es sogar bei „Blade Runner“: Als der Film 1982 herauskam, war er ein Misserfolg, heute weiß ihn jeder zu schätzen. Ohne „Showgirls“ und „Dune“ damit vergleichen zu wollen, kann man schon sagen, dass ihre Geschichte ähnlich war: Nicht wenige haben sie später unvoreingenommen für sich entdeckt und dann viel besser verstanden.

LOH    Was haben Sie für Erinnerungen an jene Zeit, in der Sie komplett im Fokus des öffentlichen Medieninteresses standen?
Kyle MacLachlan   Ich weiß noch, dass ich nach dem Dreh für „Dune“ am New Yorker Times Square vorbeikam und dort ein riesiges Werbeplakat mit meinem Gesicht hing. Es hat sich nicht so angefühlt, als wäre das ich. Ich hatte gerade sieben Monate in Mexiko gedreht. Als ich dann dieses Plakat sah, wusste ich plötzlich nicht mehr, was auf mich zukommen würde. Dann kam der Film in die Kinos, und es passierte: überhaupt nichts. Genau genommen musste ich wieder zurück auf Los. Wenn der Film ein Kassenknüller geworden wäre, hätte es vielleicht alles verändert, aber das hier war eine Art von Nicht-Erfolg.

LOH    Und Ihre Zeit in den Neunzigern mit Linda Evangelista, mitten im größten Hype um die Supermodels?
Kyle MacLachlan   Ach, diese Zeit war ganz besonders. Wir haben es uns sehr gut gehen lassen. Es war lustig. Aber eigentlich denke ich nicht mehr so oft daran. Für mich war es eine Erfahrung – und als es vorbei war, ging ich einfach weiter, zu dem Leben, das ich heute führe.

LOH    Auch mit den Frauen in „Sex and the City“ haben Sie sicher so Ihre Erfahrungen gemacht.
Kyle MacLachlan   Meine filmische Beziehung zu Charlotte York (Kristin Davis) habe ich sehr genossen. Die war ja eher ungewöhnlich. Um nicht zu sagen: peinlich. Schließlich spielte ich einen Ehemann, der sich lieber mit Pornos vergnügte als mit seiner Frau. Meine Figur hatte zwei Gesichter: einerseits die Beziehung zur Mutter und andererseits die zur Ehefrau. Wir lachten viel über die vom Drehbuch vorgegebenen schrägen Situationen, die bis zum Exzess ausgereizt wurden. Die spezielle Herausforderung der Rolle war: Wie peinlich wird es diesmal für mich? Die Serie war sehr witzig und vor allem, für ihre Zeit, sehr ehrlich.

LOH    Hat „Sex and the City“ Ihr Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit verändert?
Kyle MacLachlan   Ich bin 1959 geboren und in den Sechzigern aufgewachsen, als die Frauen mitten in ihrem Kampf um Emanzipation steckten. Meine Mutter war eine ganz besondere Frau: Sie brachte mir Werte wie Empathie und Sensibilität nahe. Sie war es, die meine künstlerische Begabung förderte. Sie selbst kam aus einer anderen Zeit, war in den Dreißigern zur Welt gekommen, in den Vierzigern aufgewachsen … Als dann die Sechziger, die Siebziger kamen, ging sie auf fabelhafte Weise mit den Veränderungen um. Sie fand zu sich selbst und orientierte sich neu. Ich war sehr stolz auf sie. Noch heute prägt sie mein Bild des Weiblichen. Mein Vater, der mein Bild von Männlichkeit geformt hat, war dagegen eher „old school“. Schweigsam. Seine vorhandene Sensibilität ließ er sich nicht anmerken. Ich habe jetzt ­einen siebenjährigen Sohn und möchte seine kreative Seite unterstützen, auch seine Sensibilität und Empathie, die sich allmählich bei ihm zeigen. Er soll wissen, dass diese Eigenschaften sehr, sehr wichtig sind – für einen Mann. Und ich möchte nicht, dass er sie vernachlässigt.

LOH    Hatte Ihre Familie immer Verständnis für Ihre Karriere?
Kyle MacLachlan   Ach, das war immer eine Herausforderung. „Blue Velvet“ war ja 1986 sehr umstritten, besonders wegen der sadomasochistischen Sexszenen mit Isabella Rossellini, und gleichzeitig erst mein zweiter Film. Ich war erst 25 Jahre alt, sehr behütet aufgewachsen. Aber die Geschichte bewegte mich, das Authentische an ihr, und obwohl ich ursprünglich abgesagt hatte, aus Respekt vor meinen Eltern und der Gemeinschaft dieser Kleinstadt, in der ich aufgewachsen war, habe ich gespürt, dass ich die Rolle spielen musste.

LOH    Und von dort ging es gleich weiter zu den „Showgirls“ …
Kyle MacLachlan   Ich glaube nicht, dass Sex der Leitfaden meiner Karriere war. Obwohl er eine Zeit lang stärker im Vordergrund stand. Weder in „Blue Velvet“ noch in „Showgirls“ oder „Sex and the City“ standen Geschlechtsverkehr oder andere Sexpraktiken im Zentrum der Filmidee. „Showgirls“ erzählte eine Geschichte über das Leben in Las Vegas, einer schwierigen und dreckigen Welt. Eine harte Geschichte, die aber vor allem als erotisch aufgefasst wurde. Was ja auch nicht so übel ist (lacht).

LOH            Ich gebe zu, dass ich nicht erwartet hatte, in Ihnen einen so ruhigen, gelassenen Menschen zu erleben. Nicht einmal während unseres zweistündigen Fotoshootings gab es den Hauch von Protest.
Kyle MacLachlan   Ich war immer schon ein geduldiger Mensch. Je älter ich werde, desto mehr nimmt diese Geduld zu. Mit fortgeschrittenem Alter lernst du, die Komplexität der Welt zu akzeptieren. Du merkst, dass es nur eine einfache Regel gibt: Urteile nie über jemanden, den du gerade kennengelernt hast. Jeder hat schon eine lange Geschichte hinter sich, wenn er dir begegnet – und die kennst du nicht. Mein Vorsatz: nicht vorschnell zu urteilen und meinem Gegenüber mit Verständnis zu begegnen. Das gibt einem viel Frieden.