Die volle Dröhnung Stil unter dem Dreiklang von Bike, Boots & Beer.
Eine Reise auf zwei breiten Rädern zum Motorradfestival Wheels & Waves

Faster, louder, harder? Schöner!

Die beste Medizin, um sich vom bleiernen Halbschlaf des Komfortlebens zu kurieren, ist Motorradfahren. Nach langen Jahren der Pastellfärbung gewinnt die Männerwelt wieder Geschmack am Derben, Polterigen und Strapaziösen. Das Mantra zum Motorrad lautet: Öl, Schweiß, Adrenalin, Angst und Dosenravioli. Das Echte triumphiert über das Manikürte – bis in die Werbung für Bartpflegeöl. Es reicht nicht, eine abgewetzte Lederjacke zu tragen, man muss damit auch auf ein Motorrad steigen, will man nicht als Blender abgestempelt werden. Es ist wieder so weit: Der Mann simuliert nicht nur das Abenteuer, er setzt sich ihm aus. Der Kreis schließt sich zu den 1970ern, als sich Teenager besser in keine Jeanskutte warfen, wenn sie nicht auch ein Mofa (mit Fuchsschwanz) vor dem Schulhof stehen hatten. Reichte früher der Fuchsschwanz zur Individualisierung, muss heute das Motorrad gleich komplett zu einem Custombike umgebaut werden. Das Ausgangsmodell kann eine unauffällige Alltagskiste sein, aber der Umbau muss einschlagen. Custom-Werkstätten wie Deus Ex Machina, Blitz, El Solitario oder Urban Motor sind die Stars dieser neuen Motorradszene, der Alternative-Custom-Szene. Youtube platzt vor Selfie-Videos, in denen schmucke Vollbartmänner auf ihren ­Custombikes von ihren Fahrkünsten Zeugnis ablegen. Als unkalkulierter Nebeneffekt dieses Trends verändert das Abenteuer den Mann, das Mannsein. Motorradfahren kann man nicht als Mode für eine ­Saison auf der linken Arschbacke abreiten. Motorradfahren erfordert Anstrengung, Konzentration, Hingabe – und umdröhnt einen mit dem Puls des Lebens.

Kurvig, einspurig – göttlich

Wir wollten zu zweit – Tim „Navi Seal“ Adler und Jan „El Burro Flaco“ Joswig – auf unseren BMW-Enduros aus den 1980ern dahin, wo diese schlichte Einsicht als neue Religion gefeiert wird, über den Jakobsweg zum Motorradfestival Wheels & Waves in Biarritz. Die Alternative-Custom-Szene pilgert seit vier Saisons geschlossen zum Südwestzipfel Frankreichs. Wheels & Waves erweiterte sich 2012 vom bloßen Kumpeltreff zum Woodstock für Motorrad-Umbauer. Initiiert wurde es vom Toulouser Southsiders MC, einem Haufen französischer Kreativarbeiter um Vincent Prat, die in ihrer Freizeit auf Motorradgang machen. Halbstarke Silberbärte. Kamen 2014 schon 5000 Aktive, waren es in diesem Jahr doppelt so viele. Keine Veranstaltung weist so stilsetzend über seine eigenen Kreise hinaus. Spanier, Italiener, Engländer, US-Amerikaner, Japaner, Deutsche fallen möglichst räudig ohne Schalldämpfer in das schmucke Altersrefugium der Hoch-Bourgeoisie ein, um sich gegenseitig in ihrem krachledernen Habitus aus Bike, Boots & Beer zu sonnen. Wheels & Waves ist die geheime Fashion Week für die Männermode, der Kongress für das Selbstverständnis der Männer in den westlichen Metropolen. Raus aus der Agentur, rauf auf den Bock.
Oder den Bock rauf auf den Hänger … Viele transportieren ihren Schatz per Anhänger zum Festival. So schofelig wollten wir uns nicht vor der Pilgerfahrt drücken. Getreu dem spanischen Jakobsweg-Motto „El camino comienza en su casa“ starteten wir auf den Motorrädern an der Berliner Haustür. Gute 2000 Kilometer mit Hawaiihemd, Regenkombi, Zelt und Leatherman (ups, wir haben die Warnweste vergessen) bis zum Atlantik. Von nichts anderem würden wir uns stoppen lassen. Solange wir nicht über unser eigenes Pathos stolpern …
Mit dem Motorrad zu reisen heißt, direkt in die Erlebniswelt von Wilhelm Hauff und den Räubern aus dem Spessart zu knattern. Man stellt das Navi auf Motorrad, schöne Route, keine Autobahn – und taucht ab in ein Europa der verwunschenen Ministraßen, das man längst für ausgemerzt hielt. Kein Mittelstreifen, keine Ampel, tagelang. Die modernste Technik eröffnet einem die altertümlichsten Wege. Wir sprechen uns nur noch mit „Gevatter“ an und schauen zu, wie den Motorrädern eine Mähne wächst. Winkelige Kurven verhöhnen uns, knotige Bäume umtuscheln uns, die Sonne wirft ein Tarnnetz aus Strahlen durchs Waldgestrüpp, der Motorradfahrer schrumpft zum kleinen Wicht – und möchte brüllen wie ein Urzeitbison vor lauter triumphaler Naturumfangenheit. Obwohl wir weder Lerche vom Habicht noch Ginster vom Maulbeerbaum unterscheiden können.
Am ersten Abend erklimmen wir einen Hügelrücken, rauschen über das Ende eines Feldweges hinaus ins hohe Gras und wachen am nächsten Morgen mit Zecken am Sack auf. Das kann uns keiner nehmen. Der aufgehenden Sonne entgegen entleeren wir die Morgenblase als güldenen Glitzerschweif. Es kommt nicht nur die Sonne, sondern auch der Wind von vorne. Zum Eigenurindoping schmettern wir den Hippie-Gassenhauer von Jerry Jeff Walker: „The answer my friend is just / pissin’ in the wind“. Jetzt haben wir unsere zivilisatorische Zwangsdomestizierung ein gut’ Stück weit ausgemerzt.
Wie weit wir den Verfeinerungen des Metropolenlebens entrückt sind, durchfährt schlagartig unsere fliegenverklebten Vagabundengestalten, als wir dem Musiker Jean-Claude Borelly begegnen. Der goldene Träumer an der Trompete, ein Großstar in der frankofonen Welt, gibt ein Konzert in La Charité-sur-Loire am Jakobsweg. Wir stolpern in die Fotosession mit Fans am Kreuzgang. Die romanische Kirche wird von Borelly mit barocker Stattlichkeit überstrahlt, gewandet in weißes Sakko, babyblaues Frotteehandtuch, rotes Hemd und schwarze Lackslipper. Ein Alphatier in Papageientracht. Wir klappern daneben wie räudige Kojoten in unserer schwarzbraunen Survival-Montur, unsichtbar fürs Publikum, Außenseiter, genauso weit weg von Markenboutiquen wie von Youtube. Leerstellen mit knatterndem Auspuff. Europa von unten. Vogelfrei.

Stilsichere Referenzen

Denkste. Natürlich besteht unsere schwarzbraune Survival-­Montur aus Barbour-Jacke, Davida-Jethelm und Red-Wing-Stiefeln. Auch als Motorradreisende bleiben wir Kulturbürger mit Bildungs­ballast und Stildistinktion. Über jedes noch so archaische Abenteuer stülpt sich die Referenzglocke. Abenteuer erlebt man nicht, man erlebt sie nach. Bei jedem Segeltörn greift einem Thor Heyerdahl ins Ruder, bei jedem ­Motorradtrip braust Che Guevara auf seiner Norton voran – in seiner Belstaff-Jacke, deren aktuelle Version nicht mit ihrer überragenden Funktionalität, sondern mit dem antikapitalistischen Revolutionär ­beworben wird. Als Abenteurer ist man ein Abenteurer-Darsteller. Wird dadurch das Erlebnis geschwächt? Nein, ihm wird eine weitere Dimension geschenkt. Die Schotterpiste muss man genauso auf sich selbst ­gestellt überwinden wie jeder Referenz-­Ahnungslose. Aber es erwächst zusätzlich eine Aura von geschichtlicher Dimension. Allerdings geht es ins Geld, wenn nur Motoröl der Marke infrage kommt, die bereits Steve McQueen für seine Wüstenrenner benutzte, wenn die Lederjacke ­Marlon Brandos Perfecto-Modell sein muss, wenn das Motorrad die gleichen Stummellenker braucht, die auch in der englischen Cafe-­Racer-Szene der 60er verwendet wurden.
Einmal Hipster-Falle, immer Hipster-Falle. Der lumbersexuelle Naturbursche überlässt nichts dem Zufall. Neben seinem Hazet-Schraubenschlüsselkasten stapeln sich als Bibel- oder „Yps“-Ersatz die Folianten zum Motorrad-Mode-Komplex: „The Ride“ aus dem Gestalten Verlag, das die prächtigsten Motorradumbauten der neuen, internationalen Szene versammelt; „Vintage Menswear“, das die Kleidungsarchive vom Londoner Vintage Showroom zu den Bereichen Sport, Militär, Arbeit öffnet; „My Freedamn“, Rin Tanakas Fortsetzungsreihe zur rustikalen Americana-Kultur – und Jo Fischers Schwarz-Weiß-Fotoband zum Festival Wheels & Waves.
Die Mode zum Abenteuer ist längst durchdekliniert. Was in den Nullerjahren als wilder Hybrid aus verschiedenen Stilen der 1930er bis 60er – von USA-Pioniere-Kluft über Rockabilly-Anleihen bis zum ­punkigen Rockers-Stil der englischen Sixties – begann, kann man mittlerweile als Komplettlook in jedem Kaufhaus erstehen, samt Rubbeltattoos. Dass Kammgarnsakkos und bunte Seidenstrümpfe von Moleskine-Jacken und Jeans aus 14-Unzen-Denim abgelöst worden sind, hat die Lifestyle-Industrie flugs aufgesogen. Die Mode- und Motorradfirmen haben das Win-Win von den Dächern zwitschern hören. Barbour kollaborierte mit Deus Ex Machina, Edwin mit Blitz, Wrangler mit Alpinestars, Clarks mit Norton, Diesel mit Ducati. Junge Marken wie Eat Dust aus Belgien oder Iron & Resin aus den USA maßschneidern ihr Angebot um die neuen Custom-Motorräder herum. Motorradfirmen wie BMW, Triumph oder Ducati bauen die Modelle zum Trend, klassisch schön statt unter einem absurden PS-Wahn kaputt designt. Der Ein-Mann-Betrieb Pacto aus Costa Rica formt in Handarbeit Jethelme der 70er nach, die in keinem Land der Welt vom TÜV abgenommen werden – aber die Szene greift begeistert zu. Wer in den 1980ern Skateboard fuhr und in den 2000ern Fixie-Fahrrad, der schwingt sich in den 2010ern auf ein klassisches Motorrad. Vollbart und dreckige Fingernägel inklusive. Der Distinktionsschnösel als ölverschmierter Naturbursche – das ist die Komödie, die sich die westlichen Männer im neuen Jahrtausend gönnen. Im Mittelpunkt steht das Motorrad

Das Ziel ist der Weg

Als wir auf dem Campingplatz in Biarritz einlaufen und gar nicht erst die Helme absetzen, um ein Bier ohne Schaum zu ordern, stoßen wir auf Ola Stenegard, Designchef bei BMW Motorrad. Ola ist in seiner schwedischen Heimat Harley-Rocker, in München BMW-Vordenker, in Biarritz mit blockgestreifter Sträflingshose das perfekte Maskottchen fürs Wheels & Waves. Er verkörpert die Mischung aus echter Liebhaberei und professioneller Geschäftigkeit, die jeden dilettantischen Murks, wenn er nur Witz und Herz hat, genauso abzuklatschen weiß wie die perfektionierten Angebote der großen Marken. Ein Motorrad mit Charakter ist ein Motorrad mit Charakter. Den undogmatischen, aber stilbewussten Geist der Alternative-Custom-Szene bringt Ola euphorisch auf den Punkt: „Es sind sehr viele junge Leute dabei, die keinen falschen Respekt vor der Tradition haben, vor Engländern oder Harleys. Stattdessen gibt es eine irre kreative Lust.“
Tatsächlich beobachten wir auf dem Festival einen Wandel vom grummelig-anthrazitfarbenen Rock zum spielerisch-knallbunten Pop. Der Stil bleibt Vintage, aber vom derb-handwerklichen Arts & Crafts arbeitet er sich vor zu Ettore Sottsass’ Memphis-Design. Was metallisch-schwer, bullig war, wandelt sich zu plastikbuntem Spielzeug. Das Paradigma verschiebt sich vom Rocker zu Motocross, von schwarzer Lederjacke und öliger Tolle zu Neontrikot und blond gefärbter Strubbelfrisur. Zwei Motorrad-Umbauten illustrieren den anstehenden Wandel: Deus Ex Machinas knatschgelbe Ducati Hondo Grattan, die direkt aus einem Überraschungsei gesprungen zu sein scheint, und BMWs Umbau ihres Erfolgsmodells R nineT zu einem Comic-fröhlichen Surf-Mobil. Die Path 22 hat BMW speziell für den Geist des Wheels & Waves gestalten lassen – und damit nicht nur den Istzustand gebündelt, sondern auch die Zukunft skizziert. Ola fasst den Dreiklang der Szene zusammen: „Spielerisch, Surf, keine Regeln …“
Bei der Ausfahrt der Festivalbesucher zum Punk’s Peak, 50 chaotische Kilometer durchs bergige Baskenland zu einem Kurzstreckenrennen mit Grillen, kann man diesen Geist mit Händen greifen. Kleinmotorige Crossmaschinen aus den 1980ern behaupten sich neben bollernden Harleys aus den 1960ern, Blaumann-Overalls neben Rennkombis aus rotem Leder, Sneaker mit weißen Basketballsocken neben Schnallen-bewährten Motocross-Stiefeln, kunstvoll verrostete Steampunk-Tanks neben Tanks mit Stricküberzug. Der alte Stil – Karohemd, Red-Wing-Stiefel, Vollbart – wird ganz vorsichtig vom neuen Stil – Hawaiihemd, Retro-Motocross-Stiefel, Schnurrbart – touchiert. Aber als wir um die letzte Kurve vor der Bergspitze zirkeln und uns der Geruch von Kuhwiese und Grillwurst unter die Jethelme schlägt, wird allen schlagartig klar: Wir teilen den gleichen Fahrtwind.

text Jan Joswig
fotos tim adler photography